Donnerstag, 13. Februar 2014

Was können wir als Trainer von "Flappy Bird" lernen?

Wer ein Smartphone besitzt und gelegentlich mal "daddelt", wird in den letzten Tagen nicht an dem Phänomen "Flappy Bird" vorbeigekommen sein. Ein simples und dennoch fesselndes Spiel, welches in den Appstores auf Platz 1 gelistet wurde.
Das Spiel fesselte anscheinend so sehr, dass der Entwickler nach eigenen Angaben aufgrund von "Suchtgefahr" das Spiel nun aus den Appstores entfernte. Aber was hat das mit Training im Bereich der Selbstverteidigung zu tun?

Das Spannende ist, dass das Spiel anscheinend über einige Mechanismen verfügt, die dazu führen, dass man sich schlecht von dem Spiel lösen kann. Im Endeffekt schafft es das Spiel die Motivation, sich damit zu beschäftigen dauerhaft hoch zu halten. 
Wäre es nicht toll, wenn uns dass in Übungsformen im Training auch gelingen würde - d.h. Übungsformen so gut zu gestalten, dass die Teilnehmer sich gerne und hoch motiviert damit beschäftigen?





Keith Stuart beschreibt in seinem Artikel im Guardian die Gründe, warum Flappy Bird süchtig macht:
  • Es erscheint einfach und ist simpel zu bedienen
  • Es ist doch ziemlich schwer
Der Schwierigkeitsgrad ist anscheinend so gut kalibriert, dass man immer wieder einen neuen Versuch unternimmt, weil man ständig das Gefühl hat, dass man es beim nächsten Versuch schaffen könnte.

Es geht also darum, den Schwierigkeitsgrad von Übungen so zu gestalten und anzupassen, dass die Teilnehmer gar nicht mit der Übungsform aufhören wollen. Dabei scheint es viel wichtiger zu sein, den Schwierigkeitsgrad feinzutunen, als aufwändige Gimmicks, Hilfsmittel oder Geräte im Training einzusetzen.

"Gamification"

Auf dem milliardenschweren Markt der Videospielindustrie tummeln sich viele hochbegabte Gamedesigner, die es schaffen uns länger als wir zu Beginn wollten an ein Spiel zu binden. Interessant ist hierbei die "Gamification" (das gibt's wirklich). Markus Breuer beschreibt Gamification als die Verwendung von spieltypischen Mechaniken außerhalb reiner Spiele, mit dem Ziel, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen. Einige der Prinzipien hierbei sind:


  • die Belohnung und Anerkennung von Fortschritt (Achievements, Trophies, Scores, ...)
  • die freie Wahl des Schwierigkeitsgrades durch den Nutzer, abgestimmt auf sein Können
  • der explizite Vergleich mit anderen, welches ein ähnliches Level / Können haben
  • einfache Bedienung, aber ansteigende Herausforderungen


Hier lohnt es sich als Trainer ausgiebig nachzudenken, wie derartige Prinzipien im Trainingsprozess und in Übungsformen umgesetzt werden können. Ich freue mich schon auf die Quest "50 Burpees in a Row" oder die Trophy "Unbreakable: 10x3 min Sparring without quitting". Gürtelprüfungen und Leveltestings zielen da schon in diese Richtung...



Tutorials

Ein weiteres interessantes Feature ist der Spielbeginn in modernen Blockbuster-Spielen (so wie bei dem Pflichtkauf des Jahres 2014: Metal Gear Solid 5- The Phantom Pain").


Die Spiele gehen direkt "in die Vollen" - es geht sofort los. Dabei wird sukzessive die Steuerung erläutert - aber nicht durch Studium des Handbuches, sondern im Spiel. Der Schwierigkeitsgrad ist hierbei natürlich noch geringer als später im Spiel, der Nutzer hat aber das Gefühl schon komplett dabei zu sein. Auch das bindet - und man will das Spiel nicht weglegen (hier spreche ich aus Erfahrung).

Für das Training heißt das:
  • Es geht auch für Anfänger richtig los, also auch komplexe Übungsformen und Formen des Kämpfens - aber mit moderatem Schwierigkeitsgrad
  • Die Steuerung - also Techniken und Taktiken - werden sukzessive im jeweiligen Kontext erläutert.
Dieser Ansatz ist auch im modernen Taktiktraining bekannt. Neben einer bessern technisch-taktischen Leistung macht diese Vorgehensweise auch deutlich mehr Spaß! In diesem Sinne: Game on!




Mittwoch, 12. Februar 2014

Alles für den Eimer! - Lerntheorien für das Selbstverteidigungstraining

Lerntheorien bilden die Grundlage für das eigenen Handeln als Trainer*. Jeder Trainer hat - bewusst oder unbewusst - ein gewisses Bild im Kopf, wie Lernen funktioniert. Entsprechend seiner Theorie, wird er seine pädagogischen Maßnahmen im Training gestalten und das Training danach ausrichten. 


Die Psychologie des Lernens

Aktuell gibt es noch keine eindeutige Antwort auf die Frage: "Wie lernen Menschen" (Wikeley & Bullock, 2006)? Dennoch ist möglich einige Schwächen bekannter Lerntheorien darzulegen und darauf aufbauend adäquate Alternativen zu präsentieren. Im Folgen verwende ich dafür die Karikatur von Karl Popper (1981) zweier lernpsychologischen Schulen. Diese sind die Assoziationspsychologie und der Konstruktivismus, welche Popper als die Eimer- und Scheinwerfertheorie ("bucket" und "searchlight") des Lernens beschreibt.

Nach der Behältertheorie ist der Lerner eine leerer Behälter, welcher mit Informationen gefüllt werden muss. Information, die das Gehirn des Lerners erreichen, werden als Reiz-Reaktions-Verbindungen (R-R Verbindungen) im Gehirn gebildet. 


Abb. 1: Der "Eimer" - Informationen gelangen in den Eimer und formen R-R Verbindungen (Piggott, 2008)


So erhält eine Person öfters einen Angriffsreiz aus naher Distanz und versucht mit einem Stopptritt den Angreifer auf Abstand zu halten. Nach der Eimertheorie heißt das, je öfters die Person im Training Reiz und Reaktion (Wahrnehmen des Angriffsreizes und Stopptritt) erfolgreich verbindet, desto stärker werden die R-R Verbindungen ausgeprägt. Wir sagen: die Person hat etwas gelernt. Dies ist die übliche Sichtweise von Trainer auf das Lernen (Piggott, 2008).

Ähnliches können wir im nachfolgenden Clip aus der US-Sitcom Big Bang Theory beobachten. Sheldon "trainiert" Penny mittels positiver Verstärkung (nach der Methode des operanten Konditionierens von B.F. Skinner).







Die Frage, die sich hier stellt ist die Folgende: Ist derartiges Lernen für das Bewältigen von Angriffsszenarien sinnvoll? Wie man im Clip von Sheldon und Lenny sehen kann, findet hier kein bewusstes Lernen - also unter aktiven Einsatz des eigenen Gehirns - statt. Das Lernen geschieht passiv. Wie ein Eimer, der befüllt wird.

In Bezug auf das Angriffszenario muss angemerkt werden, dass die angegriffene Person hier nicht einfach eine Information (Reiz) aus der Umwelt erhält, wie dies von der "Eimertheorie" angenommen wird. Wenn das der Fall wäre, wüsste er nicht, welchen Fuß er besser zum Treten einsetzt oder ob er die Distanz noch mit einem Zwischenschritt ausgleichen muss. Nach Popper konstruieren wir eine "Spielwelt" in unserem Gehirn, basierend auf den Erwartungen, die wir von der echten Welt um uns herum haben. Dies innere "Spielwelt" hilft uns, dass wir unsere Aufmerksamkeit zielgerichtet lenken - und damit Erwartungen haben. Die Person wird hier als aktiver Lerner gesehen, welcher sich von seinen Erwartungen gelenkt wird, die wie ein Scheinwerferlicht die möglichen Lösungen für ein akutes Problem erleuchten. 
Für unser Angriffsszenario heißt das, dass die Person beispielsweise seine Aufmerksamkeit auf die Hände des Gegenübers, die Distanz zu ihm und die Angriffsgeschwindigkeit richtet. Die Auswahl eines Stoppfußtrittes als Distanzmaßnahme  basiert auf der Erwartung, dass ein gut ausgeführter Stopptritt in der konkreten Situation (genügend Abstand zum Angreifer, stabiler Untergrund, etc.) zum Erfolg führen könnte. Dies  ist die provisorische Hypothese oder mögliche Lösung für das akute Problem, welche auf den eigenen Erwartungen basiert (welche wiederum aus früheren Erfahrungen generiert wird). Der Lerner kann nur herausfinden, ob es sich um die richtige Lösung handelt, in dem er es ausprobiert. Entsprechend sagt die "Scheinwerfertheorie", dass Menschen kreative Wesen sind, welche durch das Ausprobieren von möglichen Lösungen (Hypothesen) erlernen, Problem in unserer Umgebung zu lösen (siehe Abb. 2: R = erfolgreiches Ergebnis; N = negatives Ergebnis).


Abb. 2: Der "Scheinwerfer" - Ausprobieren verschiedener Verhaltensweisen, basierend auf Erwartungen oder Hypothesen (Piggott, 2008)

Indem wir falsche Hypothesen eliminieren und die erfolgreichen Verhaltensweisen beibehalten, lässt sich sagen: Wir lernen aus unseren Fehlern!


Was heißt das für Trainer in der Selbstverteidigung?


Ein Selbstverteidigungstrainer, welcher die "Eimertheorie" als Grundlage seines Handelns hat und davon ausgeht, dass seine zu trainierenden Schüler leere Behälter sind, welche gefüllt werden müssen, wird sich vermutlich wie folgt verhalten: 
Er wird vermutlich viel Reden, um so sein über Jahre angehäuftes Wissen und seine gemachten Erfahrungen weiterzugeben. Er wird vermutlich viele sich wiederholende Übungen durchführen lassen, da diese die effizienteste Art sind, um R-R Verbindungen zu stärken. Und wir können davon ausgehen, dass er einseitige (vom Trainer zum Lerner), verbessernde Information an die trainierenden Schüler weitergibt, um so den Lernern zu ermöglichen die relevanten (aus Sicht des Trainers) Informationsstücke miteineinander zu verbinden.
In der Trainerforschung im Leistungssportbereich ist seit längerem bekannt, dass dieser Ansatz grundsätzlich falsch ist, wenn es um die Generierung von kompetenter motorischer Leistung geht. Die "Scheinwerfertheorie" erscheint (Wortspiel!) viel erfolgversprechender.

Der "Scheinwerfer"-geleitete Trainer wird annehmen, dass seine Lerner wie Scheinwerfer sind. Sie sind kreative Problemlöser, welche über die Fähigkeit verfügen aus ihren Fehlern zu lernen. Entsprechend wird das pädagogische Setting dieses Selbstverteidigungstrainers anders aussehen. Er wird seine Einheiten um Probleme gestalten - und die Lerner diese lösen lassen. Er wird Kreativität und neue Lösungen für Probleme fördern - also nicht zwingend die Lösungen, die ihm beigebracht wurden. Er wird den Lernern Raum und Zeit für Fehler lassen - solange die Fehler nicht wiederholt werden. Und er würde nicht annehmen, dass er die einzig richtige Lösung für ein Problem kennt. Denn: nach der "Scheinwerfertheorie" ist eine Lösung immer provisorisch, niemals sicher.


* Selbstverständlich sind auch Trainerinnen gemeint.


Quellen

Piggot, D. (2008). The psychology of "managing mistakes": some implications for coaches and managers. Development and Learning in Organisations, 22(2), 20-23.


Popper, K. R. (1981). Objective Knowledge: An Evolutionary Approach. Clerandon Press, Oxford.

Wikeley, F. & Bullok, K. (2006). Coaching as an educational relationship. In R. Jones (Ed.), The Sport Coach as Educator. Routledge, Abingdon.